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Nachwachsende

Leselust …

 

 

 

 

 

 

 

 

Akos Doma – Die allgemeine Tauglichkeit

Schon seit seinem ersten Roman huldigt der Autor dem süßen Nichtstun – Amir, Igor, Ludovik und Ferdinand, so heissen die Helden diesmal, schlagen sich durch, hausen in einem verfallenen Haus am Bahndamm und trinken viel, damit sie besser über den Sinn und den Unsinn der Arbeit philosophieren können. Da steckt ein bißchen Lebensweisheit, viel Humor, aber auch viel bittere Satire drin.
In dieses mit viel Liebe zu den handelnden Personen geschilderten Leben am Rande der Gesellschaft platzt Albert, ein notorischer Optimist und Lebenskünstler. Er will mit den Totalverweigerern aus dem heruntergekommenen Haus am Bahndamm eine Pension aufbauen.
Auch wenn er es schafft, die Verlierer zur Renovierung des Hauses zu ermuntern, so kippt kurz vor Eröffnung des Hauses die Stimmung - ein großer Ausreißversuch in die alte Freiheit droht alles umzukehren, endet zunächst in einem furchtbaren Fiasko.

 

 

Rotbuch 2011, 272 S.,

18,95 €

 

 

 

 

 

 

Blutsonntag
von Robert Brack

Die deutsche Geschichte der Weimarer Republik ist voller politischer Skandale, einige von ihnen mit blutigen Konsequenzen: Die Weddinger-Maiunruhen gehören dazu und auch der Altonaer Blutsonntag. In beide Skandale ist die Polizei der Städte Berlin und Hamburg verwickelt.

Der Altonaer Blutsonntag 1932 in Stichworten: Nationalistische Polizisten, die einen von der Polizeiführung tolerierten NS-Aufmarsch durch das Rote Altona dazu nutzen, unter den vaterlandslosen Gesellen richtig aufzuräumen. 18 Tote waren nach der Aktion zu beklagen. Die Linke war von vornherein klar die Schuldige, 4 ihrer Anführer wurden nach der Machtergreifung der Nazis hingerichtet. Bis heute sind diese Skandalurteile nicht aufgehoben worden.

Robert Brack macht nun aus dem historischen Ereignis ein bemerkenswertes Dramal: Die Journalistin Klara Schindler, die für die kommunistische Parteizeitung arbeitet, macht sich an die Aufarbeitung des Altonaer Blutsonntags. Die Erklärungen und Behauptungen auch ihrer eigenen Parteifreunde reichen ihr nicht. Der Verweis auf die Vorbereitung eines Generalstreiks hält sie nicht davon ab, weiter zu fragen, zu recherchieren. Sie ist eine eigensinnige Aufklärerin, die sich ihrer journalistischen Arbeit mehr politische Wirkung zuschreibt als einer kurzsichtigen Parteiagitation.

Schindler macht sich auf, das, was geschehen ist, zu rekonstruieren: Sie benutzt dazu eine brandneue Erfindung der sowjetischen Genossen: Ein Tonbandgerät, das es ihr erlaubt, die Zeugen der Ereignisse nicht nur zu befragen, sondern ihre Antworten auch in der direkten, unverfälschten Form zu dokumentieren. Brack nutzt diesen technischen Trick (das erste Tonbandgerät wurde erst 1935 auf der Berliner Funkausstellung vorgestellt), um die Zeitzeugen sprechen zu lassen.

Die Zeugenaussagen folgen dabei unverbunden aufeinander und erst in der Gesamtschau ergeben die teils widersprüchlichen, teils sich ergänzenden, teils in die Irre führenden Aussagen ein Gesamtbild. Klara Schindlers eigene konfliktreiche Geschichte bildet die tragende Struktur, hebt sich dabei aber von den Tonbandaufnahmen doch deutlich ab.

Herausgekommen ist ein überaus spannender Roman, der die zugespitzte Situation am Vorabend der Machtübernahme der Nazis treffend und glaubwürdig einfängt.

 

 

 

 

 


Edition Nautilus, 253 S., 2010, broschiert,
ISBN 978-3894017286,
13,90 €

 

 

 

 

Ein hoher Preis – Nick McDonell

Nick McDonell war und ist ein literarisches Wunderkind. Als Teenager schrieb der Amerikaner den Roman "12" über die gelangweilten, drogensüchtigen Upper Class Kids von New York – und landete einen Welterfolg. Aus meiner Sicht ein skandal-heischendes, vollkommen abstruses Buch!

In der Folgezeit studierte er an der Elite-Uni Harvard, ging als Reporter und Journalist in den Iran und in den Sudan und brachte ein weiteres Buch heraus.

In diesem neuen Roman "Ein hoher Preis" soll der junge CIA-Agent Teak in Ostafrika Kontakt mit Rebellen aufnehmen, die von den USA unterstützt werden. Nach einem Anschlag gerät seine bislang so klar schwarz-weiß gezeichnete Welt aus den Fugen - Teak weiß nicht mehr, wem er noch trauen kann und wer tatsächlich auf wessen Seite steht.
Ein anderer Ort der Handlung ist eine Eliteuni der USA, wo die Intellektuellengarde von Dozenten und Studenten ebenfalls in die Geschehnisse in Ostafrika eingebunden ist. In dieser studentischen Welt an der amerikanischen Ostküste versucht der junge Somalier David angestrengt  Anerkennung bei den Mitstudenten zu finden. Staunend bemerkt er schliesslich, dass sich die traditionellen honorigen Studentenverbindungen für ihn, den Exoten, interessieren - wer ist hier wessen Spielball?

Der Autor entspinnt einen kunstvollen Reigen zwischen den Extremen Harvard und Somalia, zwischen der akademischen Welt und der rauen Wirklichkeit der internationalen Politik. Das ist spannend, politisch und nicht ohne Humor, auch wenn die Fülle der auftretenden Personen nicht immer leicht zu zu überschauen ist. McDonell kann umso glaubwürdiger von diesen Welten berichten, da er Teil beider beschriebenen Welten war.

Nick McDonnel schreibt in einem kühlen, distanzierten Stil über die Hintergründe weltweiter Machtentscheidungen und führt eindrucksvoll in die Innenwelt amerikanischer Eliteuniversitäten ebenso ein wie in die Verwobenheit politischer Ränkespiele zwischen vermeintlicher Unterstützung, plötzlicher Feindschaft und hintergründiger Machtstrategien.

Spannend und anders in Duktus und Stil als übliche Formen heldenhafter Agententhriller – dieses Buch ist sehr empfehlenswert. Es gehört zu den wenigen, die man zweimal lesen sollte. Beim ersten Mal ist es ein sehr spannender Geheimdienstkrimi. Erst beim zweiten Lesen, wenn das hastige Umblättern wegfällt, rücken die kleinen intellektuellen Feinheiten des Textes in den Vordergrund. Und am Ende guckt man noch einmal ungläubig auf die Biographie im Klappentext und rechnet nach: Ja, der Autor ist tatsächlich erst 26 Jahre alt.


 


Berlin Verlag, 302 S., 2010, gebunden,
ISBN 978-3827009449,
22,00 €

 

 

 

 

 

Tage der Toten – Don Winslow

Originaltitel: The Power Of The Dog,  aus dem Amerikanischen von Chris Hirte

Vorweg: Mit "Tage der Toten", der deutschen Übersetzung von "Power of the Dog", legt der Suhrkamp Verlag bereits den vierten Roman von Don Winslow in nur knapp 17 Monaten vor. Viel Lesestoff in kurzer Zeit, aber ausnahmsweise hat hier ein Verlag so ziemlich alles richtig gemacht.

Startend mit "Pacific Private" einen Roman um den Surfer Boone Daniels, dann den eigenständigen (und famosen) Mafia-Roman "Frankie Machine", nachfolgend das zweite Werk um Boone Daniels nämlich "Pacific Paradise". Und zum bisher krönenden Abschluss nun "Tage der Toten".

Ein Roman, von dem namhafte amerikanische Autoren des Genres behaupten, dass er zu den wichtigsten amerikanischen Romanen der letzten zehn Jahre gehöre.

Und das ist die Geschichte:  Mit großem Tatendrang hat sich der US Drogenfahnder Art Keller daran gemacht, in die Strukturen der mexikanischen Drogenmafia einzudringen mit Erfolg. So viel Erfolg, dass die Drogendepots reihenweise auffliegen und die Narcotraficantes die Jagd auf ihn eröffnen.

Nachdem sein Mitarbeiter von den Gangstern zu Tode gefoltert wurde, schwört Art Keller Rache und startet einen gnadenlosen, blutigen Feldzug gegen die Drogenbarone.
Zu spät bemerkt er, dass er sich damit neue Feinde macht und die sitzen in Washington.

Was als Iran-Contra-Affäre in die Geschichte einging, erlebt Keller als gigantisches Drogen-, Geldwäsche- und Waffengeschäft. Vor die Wahl gestellt, seiner Regierung zu dienen oder seinem Gewissen zu folgen, trifft er eine einsame Entscheidung und stößt dabei auf unverhoffte Verbündete.

Welchen Realitätsgehalt "Tage der Toten" in solchen bitteren Passagen urplötzlich gewinnt, zeigen Zitate aus der US-amerikanischen Wirklichkeit von 1987:
"Unser Land machte sich zum Komplizen im Drogenhandel, zur selben Zeit in der wir unzählige Dollars dafür ausgaben, die durch Drogen verursachten Probleme in den Griff zu bekommen - es ist einfach unglaublich."
(US-Senator John Kerry in den Senatsanhörungen zur Rolle der CIA im Drogenschmuggel der Contras)

Weit mehr als jeder andere politische Kriminalroman verwebt Don Winslow in "Tage der Toten" Fiktion und Wirklichkeit. Die Iran-Contra-Affäre der 80er-Jahre bildet den ganz realen Hintergrund dieses Buches. Zur Erinnerung: Mitte der 80er-Jahre verkaufte die amerikanische Regierung in einem Geheimgeschäft Waffen an den Iran. Mit den ganz und gar inoffiziellen Einnahmen aus den Waffenlieferungen an den damals eigentlich offiziellen Erzfeind im Nahen Osten wurden dann, an jeglicher Gesetzgebung vorbei, zynischerweise die regierungsfeindlichen Contras im "anti-kommunistischen Kampf" in Nicaragua unterstützt. Eine Untersuchungskommission stellte später fest, dass dabei die Contras über Jahre mehrere Tonnen Kokain in die USA geschmuggelt hatten, was mit Duldung und sogar Unterstützung der CIA geschah.

Seit Robert Littells "Legends" ("Die kalte Legende") hat es keinen so kraftvollen, politisch treffsicheren und mitunter gesellschaftskritisch-klugen Kriminalroman gegeben. Der in den USA in aller Öffentlichkeit so großmundig proklamierte Krieg gegen die Drogen geht einher mit den letzten knapp dreißig Jahren des Versagens der Südamerika-Politik der USA. Beides vermischt sich, ist eins, doch wieder und wieder fragt man sich, wo die eigentlichen Absichten der Verantwortlichen liegen und die eigentlichen Fronten verlaufen.

"Es existiert eine Schattenregierung mit ihrer eigenen Luftwaffe, ihrer eigenen Marine, ihren eigenen Geldbeschaffungsmechanismen sowie der Möglichkeit, ihre eigene Vorstellung nationaler Interessen durchzusetzen, frei von allen Kontrollen und frei vom Gesetz selbst."
(US-Senator Daniel Inouye während der Senatsanhörungen zur Iran-Contra-Affäre)

Don Winslow erweist sich als handwerklicher Könner, denn selbst seine besinnlicheren Erzählpassagen bremsen den Lesefluss nicht ab, sondern sie reduzieren nur stellenweise geschickt das Tempo, um gleich danach wieder mit fast "Actionfilm-artigen" Szenerien weitere Ausrufezeichen zu setzen.

Dies alles wirkt mit seinen Zutaten erzählerisch so einfach und beinahe spielerisch, erweist sich aber in einer Zeit, in der sich in der Kriminalliteratur hauptsächlich psychopathische Serienmörder tummeln, geradezu als wohltuend und als stilistische Feinarbeit. Fazit: "Tage der Toten" ist ein Jahrzehnt-Roman, weil er die Welt mit all den vielfältigen Mitteln des Romans so eindrücklich, so realistisch abbildet.

schauen Sie auch hier 'rein:
http://www.krimi-couch.de/krimis/don-winslow.html

 

 

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Suhrkamp Taschenbuch, 689 S., 2010, TB,
ISBN 978-3518462003,
14,95 €

 

 

 

Winterkartoffelknödel
von Rita Falk

Normalerweise schiebt Dorfpolizist Franz Eberhofer in Niederkaltenkirchen eine ruhige Kugel. Aber jetzt: Vierfachmord! Stress pur! Zum Glück kocht die Oma den hammermäßigsten Schweinebraten, wo gibt. Und das beste Bier gibt’s eh beim Wolfi.

Was für ein Leben könnte der Polizist Franz Eberhofer führen, wenn der Papa nicht die Beatles hören, die Oma nicht halbtaub den Sonderangeboten bei Deichmann nachjagen würde, wenn Bruder Leopold nicht die Rumänenschlampe Roxana am Hals hätte – die große Liebe mit der Neigung, fremde Konten leer zu räumen – wenn es da nicht den Flötzinger, den Simmerl, den Schäferhund Gorbatschow gäbe? Nur leider wird die Idylle jäh durch einen Vierfachmord aufgeschreckt.

Was für ein Buch: Zuerst das Gefühl „wieder so ein Regionalkrimi, ein Langweiler wie Kluftinger“ - doch dann das Erstaunen: Mit Rita Falks Erstling „zieht der Ton Ludwig Thomas ins Genre des deutschen Kriminalromans ein“, schrieb ein Rezensent. Ein Krimi mit trefflichem Witz, ohne dem Zynismus zu verfallen, er findet eine ureigene Sprache, um von den Momenten am Rande zu erzählen, die das Leben ausmachen. Wer an ausgefeilten Plots, den perversen Abgründen der Psyche interessiert ist, ist bei Rita Falk falsch aufgehoben.

Rita Falk beschreibt das Leben mit jener Nachsicht, die skurrile Charaktere erst interessant machen. Ein amüsanter »Provinzkrimi«, der zum Weiterlesen zwingt, auch wenn der Kriminalfall zu grob gestrickt erscheint.

Ein bissiges Vergnügen. Was selten im deutschen Krimiwesen ist.

 


dtv, 2010
TB, 233 Seiten

ISBN 978-3423248105,

12,90 €

 

 

 

 

Hurra, wir dürfen zahlen – Ulrike Herrmann

Die schwarz-gelbe Bundesregierung war für die Mittelschicht ein absehbar schlechtes Geschäft – und trotzdem hat diese Schicht, die noch immer die weitaus meisten Wahlberechtigten stellt, die „Koalition der Mitte“ an die Macht gewählt. Wie ist das zu erklären?
Die Redakteurin der "taz", Ulrike Herrmann, macht in ihrem Buch „Hurra wir dürfen zahlen“ einen interessanten Versuch, diesen „Selbstbetrug der Mittelschicht“ zu erklären.

Begütert ist die Mittelschicht nicht: Zu ihr zählt, wer zwischen 1000 und 2200 Euro netto im Monat als Single bzw. 2100 bis 4600 Euro als Ehepaar mit zwei Kindern monatlich verdient. Die Mittelschicht unterstützt in ihrer Mehrheit eine Politik, die vor allem der Oberschicht dient,

  • weil es die Reichen verstehen, ihre Macht und ihren Reichtum zu verschleiern,

  • weil der Glaube an den Aufstieg in der Mittelschicht ungebrochen ist,

  • weil sie ihren Status überschätzt und ihre Aufmerksamkeit darauf lenkt, sich von der Unterschicht abzugrenzen.

Die Deutschen scheinen zur Selbsttäuschung zu neigen. Es ist fast egal, wie viel jemand verdient, viele fühlen sich „fast reich“, nur 9 Prozent in Westdeutschland ordnen sich der Oberschicht zu und zur Unterschicht wollen nur 3 Prozent gehören - obwohl die ökonomische Realität völlig anders aussieht.
Zwar wisse die übergroße Mehrheit durchaus, dass die soziale Herkunft entscheidend sei, um zu Reichtum zu gelangen, doch über zwei Drittel glaubten an die „Leistungsgesellschaft“. „Obwohl die meisten klar erkennen, dass die Startchancen keineswegs gleich verteilt sind, wird Reichtum umstandslos akzeptiert.“ (48) Es ist geradezu paradox - an selbst profanen Beispielen, wie etwa der Partnerwahl (65) oder der „Begabtenförderung“ (66ff.) ja sogar der Wahl der Vornamen für die Kinder (101ff.) kann Ulrike Herrmann belegen, dass sich die Schichten immer stärker voneinander separieren und sich insbesondere die Elite immer mehr abschottet (65).

Unter dem Stichwort „Schickedanz-Syndrom“ beschreibt die Autorin das „seltsame Phänomen“, dass zwar objektiv der Reichtum zunehme, sich subjektiv aber immer mehr Reiche um ihre Zukunft sorgten. Die Reichen würden arm gerechnet, während die Armen zu den Reichen ernannt würden, die als Schmarotzer lebten und die „Leistungsträger“ aussaugten (Sloterdijk-Debatte).

Typisch dafür, wie sich die Reichen arm rechneten, sei der Verweis auf die Einkommensteuerstatistik, wonach etwa die obersten 20 Prozent der Steuerbürger über 70 Prozent des Gesamtaufkommens stemmten. Dabei würde allerdings verschwiegen, dass die Reichen keineswegs übermäßig belastet würden, denn selbst Spitzenverdiener zahlten im Durchschnitt nur 23,8% an Steuern auf ihr Einkommen. Selbst Multimillionäre wüssten sich arm zu rechnen. Der Verweis auf die Einkommensteuer sei aber auch schon deshalb eine Irreführung, weil diese Steuerart schon fast zur „Bagatellsteuer“ verkommen sei (77) und sich der Staat immer stärker durch die indirekten Steuern finanziere, die alle gleich betreffen. Für 2010 sei etwa die Körperschaftssteuer mit 7,2 Milliarden Euro niedriger eingeplant als die Versicherungsteuer mit 10,45 Milliarden Euro. Bei den Sozialabgaben würden die Reichen sogar prozentual weniger belastet als die Mittelschicht – ein recht seltener Fall auf der Welt (78).

Herrmann geht in weiteren Kapiteln dem Phänomen nach, warum sich die Mittelschicht so willig täuschen lasse. Als einen Grund nennt sie, dass die Nachkriegszeit und das Wirtschafswunder mental fortwirkten. Die „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) habe die Selbstdeutung der Deutschen nachhaltig beeinflusst. Hierarchien oder der Klassenbegriff waren im Sprachgebrauch verschwunden und „Schichten“ wurden von „Milieus“ abgelöst. Teilhabe am Konsum sei maßgebend geworden. Dabei seien es nur verschiedene Arten gewesen, mit der eigenen Armut umzugehen – Armut sei Armut geblieben (86). Wenn Wut hochkomme, dann richte sie sich allein auf Manager und Politiker, aber nicht auf Millionäre oder Milliardäre.

Ein weiteres Element des Selbstbetrugs sei die Bildung oder wenigstens die Hoffnung, dass zumindest die Kinder aus der Mittelschicht aufsteigen könnten. Schon im Kleinkindlebenslauf fände inzwischen „eine Art Wettrüsten“ statt. Der eigentliche Stress beginne aber mit der Schule bzw. der Schulauswahl. Der Massenandrang auf die Gymnasien entwerte das Abitur, das kein Erkennungszeichen der Eliten mehr sei, daraus erkläre sich der Drang vor allem besser Verdienender, ihre Kinder auf Privatschulen zu schicken. Die Mittelschicht-Eltern bemerkten gar nicht, dass sie sich auf einen Konkurrenzkampf einließen, den sie nie gewinnen könnten. Statt darauf zu drängen, dass die staatlichen Schulen besser ausgestattet werden, fordere die Mittelschicht Steuersenkungen, wovon vor allem die Eliten profitierten, und entzögen damit dem Staat noch die letzten Mittel für eine Bildung, die für mehr Chancengleichheit nötig wären.

Zwar habe es in der deutschen Mittelschicht schon immer Abstiegsängste gegeben. Der Krisendiskurs sei stets ein Medium bürgerlicher Selbstverständigung gewesen, neu sei jedoch, dass die Sorgen durchaus berechtigt seien. Gehörten 2000 noch 49 Millionen Menschen der Mittelschicht an, so waren es 2006 nur noch 44 Millionen. Gleichzeitig fand sich rund ein Viertel aller Bundesbürger in der Unterschicht wieder (121).

Ulrike Herrmann geht dem Phänomen dieses Abstiegs nach, den sie als „deutschen Sonderweg“ bezeichnet (123), denn ökonomisch seien etwa die fallenden Reallöhne nicht zu erklären (125). Ihr scheint das eine Frage der Mentalität zu sein. So sei es auffällig, wie stark sich die Deutschen immer wieder von dem Arbeitgeber-Argument beeindrucken ließen, die Löhne dürften kaum steigen, weil sonst die internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet sei.

„Die deutsche Mittelschicht nimmt ihren eigenen Verlust nicht wahr, weil sie sich nach unten abgrenzen kann“ (126), die Zuversicht, niemals zum Prekariat zu gehören, verleite die Mittelschicht, sich mental mit den Unternehmern zu verbünden.

Die Verachtung für die Unterschicht wachse sogar, je stärker der eigene ökonomische Status bedroht werde. Die Gesamtstimmung in Deutschland sei: „Wer arm ist, muss sich den Verdacht gefallen lassen, eventuell ein Betrüger zu sein“ (130). Dieser uralte und nicht nur in Deutschland verbreitete Generalverdacht sei mit der Agenda 2010 offizielle Regierungspolitik geworden, wie Ulrike Herrmann mit zahlreichen Belegen untermauert. Die Wirkung blieb nicht aus: Nach einer Erhebung des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer im Jahre 2009 meinten 47 Prozent der Bevölkerung, dass Langzeitarbeitslose „arbeitsscheu“ seien und sogar 57,2 Prozent nahmen an, dass sich Hartz-IV-Empfänger „auf Kosten der Gesellschaft ein schönes Leben machen“ (135).

Dem von manchen „Experten“ (Sarrazin, Nolte, u.a.) und vom „Boulevard“ erzeugten Zerrbild über die „Unterschicht“, von dem sich die Mittelschicht nobel abhebe, wurde durch massive Kampagnen mit absurden Rechenbeispielen untermauert, wonach sich Arbeitslose besser stellen als Arbeitsplatzbesitzer. „Statt wahrzunehmen, dass die eigenen Realeinkommen fallen, vermutet man lieber, dass die Hartz-IV-Empfänger zu viel kassieren“ (155). Das Spiel, das die Mittelschicht mit sich treiben lasse, funktioniere folgendermaßen: „Die Reichen rechnen sich arm, während die Armen reich gerechnet werden. Damit verkehrt sich die Wahrnehmung, was eigentlich Ausplünderung ist. Es sind nicht mehr die Unternehmer, die ihre Angestellten ausbeuten – stattdessen beuten angeblich die Armen die Mittelschicht aus“ (158).

Wenn die Mittelschicht aber erst einmal glaube, dass der Staat nur noch den Armen nutze, dann stimme sie auch Steuersenkungen zu, von denen tatsächlich nur die Begüterten profitierten.

„Umverteilung“ sei in Deutschland ein „Tabuwort“, aber es werde permanent umverteilt – bisher allerdings von unten nach oben (179). Die Finanzkrise verstärke den Umverteilungsprozess: Zum einen, weil der Staat das Vermögen der Eliten rettete, indem er die Banken gestützt hat. Zum anderen, weil der Staat dafür Schulden aufnehmen musste und diese Kredite wiederum vor allem von den Eliten gewährt würden, die dafür die Zinsen kassierten. Bisher sehe es ganz danach aus, dass die Mittelschicht alleine auf den Kosten der Finanzkrise sitzen bleibe.

Ulrike Herrmann liefert keine wissenschaftliche Analyse, sondern eine Streitschrift in aufklärender Absicht. Ihr Buch „Hurra, wir dürfen zahlen. Der Selbstbetrug der Mittelschicht“ ist ein journalistisch gut geschriebenes und eingänglig lesbares Buch. Es hält der herrschenden Ideologie „der Mitte“ einen Spiegel vor, aus dem sich ein realistisches Selbstbild der Mittelschicht widerspiegelt, das aber so gar nicht dem entspricht, was diese Schicht sich selbst einbildet und was ihr täglich von den mächtigen Eliten eingeredet wird.

Es bietet eine Fülle von Fakten und nachvollziehbaren Argumenten - gegen die Westerwelles, Sarrazins, Merkels und Scheuerls (Volksabstimmung gegen die Hamburger Schulreform).
(hn, korr. 02.02.11)

 

Westend Verlag, Franfurt/Main, 2010
TB, 223 Seiten

ISBN 978-3938060452,

16,95 €

 

 

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