Neue Bücher

Wir stellen Ihnen hier eine Auswahl an neuen Büchern vor, die wir spannend, am Puls der Zeit gelegen oder einfach nur gut finden. Später bereichern diese dann unsere Lese-Tipps, in denen Sie unsere vergangenen Buchvorstellungen finden können.


Herbstliches Erntedankfest im Buchhandel – unsere Auslese!

Vorweg: Der Deutsche Buchpreis 2020 hat auch in diesem Jahr überzeugende Titel präsentiert - sowohl in der Shortlist und insbesondere auch in dem Werk der diesjährigen Preisträgerin, Anne Weber.

https://www.deutscher-buchpreis.de/fileadmin/user_upload/downloads/2020/dbp20_Shortlist_Uebersicht.pdf

Die Bücherwelt lebt auf - es wird allenhalben wieder mehr gelesen. Das gilt auch für unsere Buchhandlung - und wir bedanken uns ganz herzlich bei unseren Kundinnen und Kunden. Für uns ein grosser Ansporn, verstärkt aus der Fülle der Neuerscheinungen wieder die Bücher herauszufiltern und Ihnen zu empfehlen, die für Vergnügen, Erkenntnis und gute Unterhaltung stehen.

Anne Weber - Annette, ein Heldinnen-Epos

Die vielfach ausgezeichnete Übersetzerin und Autorin Anne Weber wird für ihr Werk "Annette, ein Heldinnenepos" mit dem Deutschen Buchpreis 2020 ausgezeichnet - zu Recht. Das Buch erzählt in Versform (!) die Lebensgeschichte der französischen Widerstandskämpferin Anne Beaumanoir. Der bald Einhundertjährigen begegnet Anne Weber vor wenigen Jahren zum ersten Mal und hier erzählt sie von ihrem unglaublichen Leben.

Mit 16 Jahren tritt Anne Beaumanoir in die Résistance ein, rettet jüdische Kinder und wird Kommunistin. Später wird sie Medizinerin und geht im Kampf für ein unabhängiges Algerien in den Maghreb und dafür ins Gefängnis.

Dann kommen Flucht und die Trennung von Familie und Kindern. Heute lebt sie im Süden Frankreichs.
(hn)

Lesen Sie diese Besprechung:
https://literaturkritik.de/weber-annette-ein-heldinnenepos-fragiles-heldentum,26982.html





geb., Verlag Matthes & Seitz
2020, 208 S., 22,00 €
ISBN 978-3-95757-845-7


Marie Hermanson – Der Sommer, in dem Einstein verschwand

April 1923: Göteborg rüstet sich für die große 300jährige Jubiläumsausstellung: überall in der Stadt werden Straßen gepflastert, und wo sich vorher Kuhweiden befanden, werden Häuser und Plätze gebaut. Die Elektrizität hält Einzug und die Gaslaternen werden ausgetauscht. Innerhalb kürzester Zeit mausert sich Göteborg zu einer Großstadt. Die Autorin lässt Ellen, eine junge Reporterin, und Nils, einen Polizisten, einer Verschwörung auf die Schliche kommen. Albert Einstein soll in Göteborg seine Nobelpreisrede halten - und ist das Ziel dieses Angriffs.

Marie Hermanson gelingt es, lebendig und unterhaltend, die Aufbruchstimmung und den Optimismus der zwanziger Jahre, sowie die dunklen Untertöne und Entwicklungen des Nationalismus in ihrem Roman einzufangen, ein teilweise humorvolles Buch, das dazu noch eine sehr menschliche Seite des Physikgenies zeigt.
(A.)


Gebunden, Insel Verlag 2020
aus dem Schwedischen von Regine Elsässer
371 Seiten, 22,00 €, ISBN 978-3-458-17846-0


Wu Ming – Die Armee der Schlafwandler

Mit diesem neuen Wu Ming - Roman (siehe hier) setzt der Verlag Assoziation A diese Reihe fort. In bewährter Weise greift das Kollektiv auf einen historischen Stoff zurück:

Paris, im Januar 1793: Die Hinrichtung Ludwig XVI. unter der Guillotine steht kurz bevor, ein letzter Versuch zu seiner Befreiung scheitert. Es beginnt die dramatische Phase der Jakobinerherrschaft, der entflammten politischen Leidenschaften, der gegenrevolutionären Verschwörungen und Aufstände. Der Roman erzählt das epochale Ereignis der französischen Revolution voller Phantasie und in farbenprächtigen Bildern fast durchgängig aus Sicht des gemeinen Volkes, der rebellierenden Frauen und der Sektionen der aufständischen Kommune von Paris.

Die Autoren experimentieren dabei mit Stilmitteln des historischen Romans in der Tradition Victor Hugos, Figuren der Commedia dell'arte, der derben Sprache des gemeinen Volkes in der zeitgenössischen Publizistik sowie einer bühnenreifen Komposition in der Art des Théâtre du Soleil von Ariane Mnouchkine. Es geht hier um eine Theateraufführung mit den Irren in den Rollen der Großen ihrer Zeit. "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" von Peter Weiss lässt grüßen. "Die Armee der Schlafwandler" ist ein raffiniertes Spiel mit allerlei Anspielungen mit Fakten und Fiktion, es ist eine temporeiche Geschichte, die viel Stoff zum Nachdenken bietet.
(hn)


geb., Assoziation A 2020
aus dem Italienischen von Klaus-Peter Arnold
704 S., 28,00 €, ISBN978 3 86241 474 1


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Koschmieder, Christine – Trümmerfrauen. Ein Heimatroman

Christine Koschmieder erzählt wunderbar wütend darüber, wie das politische ins private dringt. Anke ist wütend, daß die ersehnte Freiheit und das Glück nach der Wende sich nicht einstellen wollte. Abgehängt fühlt sie sich, betrogen. Zusammen mit Gleichdenkenden gründen sie den Heimatverein und übernehmen das Clubhaus und immer mehr Parzellen in Ottilies Schrebergarten. Agressiv führen sie neue, deutsche Regeln ein, nehmen das ausländische Zeug von der Speisekarte und ersetzen es durch gute, deutsche Speisen. Völkisch wollen sie sein. Und vorbereitet. Auf den Zusammenbruch der BRD. Sie horten Unmengen an Dosen und Büchsenfleisch und planen die Übernahme.

Ottilie hat den Nationalsozialismus erlebt. Wohl behütet zunächst, dann erlebt sie Gräueltaten – und die Themen Schuld und Moral prägen ihr Leben. Die Rosenstöcke in ihrem Schrebergarten sind nach Wehrmachtsangehörigen benannt, die erschossen wurden, weil sie dem militärischen Wahnsinn am Ende des Krieges widersprachen. „Jeder entscheidet sich immer wieder aufs Neue: für das Gute oder eben für das Böse”.
Auf einer zweitägigen Bustour zum Kyffhäuser Denkmal wird sie sich ihrer Vergangenheit stellen und Entscheidungen für ihre Zukunft treffen. Begleitet wird sie von Lou, vierzig Jahre alt und auf der Suche nach einem Platz im Leben.
Ottlilie ist durchaus lebensfroh, versäumt keine Gelegenheit, einen Schnaps zu sich zu nehmen, und ist bemüht, die schüchterne Lou mit dem Busfahter zu verkuppeln. Doch Lou kommt sich immer selbst in die Quere. Bzw. ihre Dämonen, die sie triezen und klein machen.

Nach der Wende ist Lou den umgekehrten Weg gegangen, in den Osten. Solidarität statt Konsum hat sie gesucht, doch ist sie nie angenommen worden. Immer ist sie die Wessi geblieben. Karola war so etwas wie eine Freundin. Doch die hat sich nun dem Heimatverein angeschlossen und lacht Lou aus für ihre Träume und ihren angeblichen Realitätsverlust. Währendessen sitzt Anatol, Lous Sohn im Flugzeug. Angetrunken und verbittert erzählt er zwei Nilpferdfiguren aus dem Überraschungsei von dem Ende seiner Träume, mit der perfekten Frau eine ebenso perfekte Familie mit Hilfe einer App zu gründen. Aber ein Ausraster führt dazu, daß er des Landes verwiesen wird. Die Beziehung zerbricht und er flieht in Ottilies Schrebergarten, die Hütte, an die er so friedliche Erinnerungen an seine Mutter und seine Kindheit hat. Doch als er dort, immer noch betrunken, ankommt, entdeckt er die Preppervorräte und Vorbereitungen für das Erntedankfest unter dem Motto "Unsere Wurzeln. Unsere Heimat. Unsere Ernte" des Heimatvereins und ihm ist klar, was hier passiert. In einem Anfall von Raserei reißt er die Rosen raus und sprengt Kohlköpfe in die Luft. und als Lou und Karola dazu kommen, kommt es zum Showdown …

Nur ganz langsam erschließt sich der rote Faden in diesem Buch. Aber die einzelnen Sequenzen treiben einen beim Lesen immer weiter, humorvolle Szenen wechseln zu dramatischen Rückblicken und sogar Anatols mitleidiges Gejammer hat einen gewissen Unterhaltungswert. Und auf einmal trifft einen die ganze Wucht der Geschichte.
C. Koschmieder erzählt von der schleichenden Infiltrierung rechten Gedankenguts in unsere Gesellschaft und der Verharmlosung völkischen Denkens. Sie erzählt von der Hilflosigkeit wenn die Lauten in der Mehrheit sind und das politische ins private dringt. "Und während wir noch ironisch verharmlosen, tanzt das ›Neue Denken‹ wie Rumpelstilzchen ums Feuer. Heute hol ich mir den Heimatbegriff, morgen das Volk, und übermorgen setze ich in die Praxis um, was hinter der Rhetorik steckt."
Trotz der düsteren Thematik ist der Roman unterhaltsam, rasant und in klarer Sprache geschrieben, genaus so wie das knallige Cover mit dem farbigen Schnitt vermuten läßt. Ich kann ihn sehr empfehlen.

Zitat aus dem Netz: Wie eine literarischen Kreissäge fräst sich "Trümmerfrauen" durch deutsche Geschichte und lässt Lebenswirklichkeiten aus Ost und West, Gegenwart und Vergangenheit aufeinanderprallen. (B.)


geb., Edition Nautilus 2020
304 S., 22,00 €
ISBN 978-3-96054-220-9


Abbas Khider – Palast der Miserablen

Südirak in den neunzigern. Shams Hussein lebt abgeschieden und einfach in einen Dorf, in dem alte Stammesstrukturen und die Geschichten der Alten präsenter sind, als die Politik im fernen Bagdad. Doch die Bomben während der Angriffe gegen Kuweit schlagen auch im Dorf ein und Milizen stürmen die Häuser. Niemand ist sicher, es werden öffentliche Bestrafungen vorgenommen und Männer gedemütigt. Das Embargo sorgt für bittere Armut und Wilkür und Gewalt bedroht die Menschen. Eines Tages beschließt der Vater, daß es genug ist. „Gegen Rache gib es kein Heilmittel und das halbe Land will sich nun rächen”.
Keine einfache Entscheidung, die Familie wird alles verlieren, ihre soziale Stellung, ihr Haus und Land. Doch Shams Familie hält zusammen und sie sind optimistisch und bereit, ihr Schicksal erneut in die eigenen Hände zu nehmen.
Sie gehen nach Bagdad und kommen bei Verwandten unter. Sie werden herzlich aufgenommen, doch die Zeiten sind hart und es ist eng. Die Familie muß sich bald etwas anderes suchen … Sie bauen aus den Funstücken auf dem Müllberg eine Unterkunft. Trotz der trostlosen Umgebung erhalten sie die Strukturen aufrecht und nehmen jede Arbeit an, die sich bietet. Stück für Stück wird die Hütte verbessert und sie verdienen sich einen Platz in der Gemeinschaft.
Der jugendliche Shams macht sein Abitur und versucht, herauszufinden, wer er ist und sein möchte. Auf dem Markt der Einäugigen ist er bekannt, dort arbeitet er mal als Wasserverkäufer, Lastenträger oder Verkäufer. Hier entdeckt die Literatur, die Kraft der Worte und Schönheit der Poesie. Er bekommt die Möglichkeit, einen Buchstand in der Gasse der Antiquariate zu betreiben.Über einen Bekannten lernt er schliesslich den Palast der Miserablen kennen, einen geheimen Club in einer Altbauwohnunge in Bagdads Innenstadt. In der Wohnung eines erblindeten Musikers und Langzeitstudenten treffen sich Musiker, Malerinnen, Buchhändler und Autorinnen. Allesamt Kritiker des herrschenden Systems. Und in ständiger Gefahr aufzufliegen. Doch Shams ist faszieniert von diesen Menschen, die so gebildet, informiert und besonders waren. Er saugt alles auf und nimmt regelmäßig an den Treffen teil.
Eine ganz neue Welt öffnet sich für ihn und endlich kann er auch die Erlebnisse und Gräueltaten seiner Kindheit einordnen und verstehen.

Ich fand den Roman von Abbas Khider sehr lesenswert. Durch den lockeren Ton und den Optimismus der Familie ist die Erzählung trotz der schrecklichen Schilderungen von Gewalt und Armut immer vorwärtstreibend, es ist spannend und interessant erzählt, wie sie vorgehen und sich entwickeln. Durch diesen Roman ist mir ein neuer Blickwinkel auf Saddams Terrorherrschaft eröffnet worden, eindringlich und mitreißend. (B.)


geb., Hanser-Verlag 2020, 318 S., 23,00 €, ISBN 978-3-446-26565-3


Hubert Achleitner – flüchtig

Hubert Achleitner ist vielen vielleicht besser bekannt als der österreichische Liedermacher Hubert von Goisern, Verrtreter der "Neuen Volksmusik" und des Alpenrocks.
In eindrücklichen Bildern und Berichten entwickelt Hubert Achleitner in seinem ersten Roman das Psychogramm einer Ehe, wie es sie wohl häufiger gibt. Entfremdung, Ehebruch, Heimlichkeiten: es fehlt nichts, was uns diese Geschichte nicht verstehen lässt. Man leidet mit, trauert mit und ist sehr berührt vom Schicksal dieser zwei Menschen. Es gipfelt im Verschwinden von Maria, sie entschliesst sich, aus einem zwar bequemen, aber enttäuschenden Leben auszubrechen.
Sie bricht zu einer abenteuerlichen Flucht auf, die aus dem fernen Österreich tief in den Süden bis nach Griechenland zu einem Heiligen Berg führt. Hier nehmen wir teil an einer äußeren und inneren Reisebeschreibung. Seelenzustände und Landschaftsbeschreibungen, menschliche Begegnungen und Abenteuer wechseln sich ab. Maria führt ab jetzt eine Aussteigerexistenz. Es geht um Selbstverwirklichung, Erleuchtung und psychedelische Erfahrungen. Ganz oben aber steht der Wunsch nach einem Leben ohne innere Zwänge.
Der Autor beherrscht eine lebhafte, bilderreiche und malerische Schreibe, immer spannend lässt er uns an den dramatischen Abenteuern und Erfahrungen seiner Protagonisten teilnehmen. (ma)


geb., Zsolnay-Verlag 2020, 300 S., 23,00 €, ISBN 978-3-552-05972-6


Claire Lombardo –
Der größte Spaß, den wir je hatten



Die 30-jährige Claire Lombardo erzählt in ihrem 700-seitigen (!) Debütroman von einer Familie, die zwar nicht heil ist, aber erstaunlich haltbar. David und Marilyn lernen sich in den 70er-Jahren als Studenten kennen. Kurz hintereinander kommen die ersten zwei Töchter zur Welt. David macht Karriere als Arzt. Marilyn verzichtet auf einen Beruf. Sie findet ihr nicht immer einfaches, aber konsequent verfolgtes Glück in der Verwaltung und emotionalen Bewirtschaftung der mittlerweile sechsköpfigen Familie. Am Vorbild einer solchen Traumehe droht die emanzipierte, zwischen diversen Lebenskonzepten voller Irrungen und Wirrungen, voller geplatzer Träume und schnöder Lügen hin und her schliddernde Nachfolgegeneration zwangsläufig zu scheitern. Was die vier ungleichen Schwestern vereint, ist die Angst, niemals so glücklich zu werden wie die eigenen Eltern. Dann platzt Jonah in ihre Mitte, vor fünfzehn Jahren von Violet zur Adoption freigegeben – dieser ungewollte Sohn wirbelt das Familienchaos noch einmal kräftig durcheinander …

Es ist ein Buch, das das echte Leben zeigt – das spannend und auch witzig ist, und vor allem niemals trivial – eine Einladung, im Lektüresessel zu versinken, Unterhaltung pur. Es fesselt mit raffinierten Zeitsprüngen und spannungsreichen Perspektivwechseln der Figuren und einem ungemein plastisch gezeichneten Charakterensemble.
(ma)


geb., dtv Verlag 2019
Übersetzung: Spatz, Sylvia
720 S., 25,00 €
ISBN 978-3-423-28198-0




Aus der Krimiwelt

Liz Moore - Long Bright River

Mickey Fitzpatrick arbeitet als Streifenpolizistin in dem heruntergekommenen Viertel Kensington von Philadelphia. Der Stadtteil hat eindeutig schon bessere Zeiten gesehen, jetzt befindet er sich im Wandel: erste hippe Cafés und teure Modeboutiquen siedeln sich am Rand an, doch immer noch beherrscht Armut und Drogenkriminalität die Strassen, in denen auch Mickey aufgewachsen ist. Als eine Mordserie an jungen Prostituierten beginnt, wird sie Alarmbereitschaft versetzt. Ihre Schwester Kacey, zu der sie in ihrer Kindheit ein inniges Verhältnis hatte, ist drogenabhängig und geht auf der Strasse anschaffen - jetzt ist sie verschwunden. Da für ihren Vorgesetzten diese Morde keine besondere Priorität haben, beginnt Mickey mit Hilfe ihres früheren Kollegen Truman auf eigene Faust zu ermitteln. Erst als sie und ihr kleiner Sohn Thomas bedroht werden, wird ihr bewusst, wie gefährlich ihr Handeln ist. Liz Moore hat ihren Roman, der sowohl Krimi wie auch Familiengeschichte ist, in zwei Zeitebenen aufgeteilt: in damals und jetzt - und mit ihrem rauen Ton schafft sie es, das Aufwachsen der beiden Mädchen und den alltäglichen Überlebenskampf beider Schwestern als junge Frauen authentisch und schnörkellos zu beschreiben. Somit ist ihr auch eine Sozial- und Gesellschaftsstudie gelungen über das trostlose Leben von Junkies und die geringen Chancen, aus der Sucht wieder herauszukommen. Liz Moore schreibt bewegend und sehr spannend, sie mischt Familiengeschichte und Thriller perfekt, und man merkt, dass die 1983 geborene Autorin auch Musikerin ist – ihre Sprache hat einen unwiderstehlichen Rhythmus. Das Ergebnis gehört zum Besten, was die Kriminalliteratur in den vergangenen Jahren zu bieten hatte!
((A., ma & hn))


geb., Beck Verlag 2020
aus dem Englischen von
Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
413 S., 24,00 €
ISBN 978-3-406-74884-4


Deon Meyer – Beute

Zwei parallele Handlungen verfolgt Deon Meyer in seinem neuen Polit-Thriller "Beute". Dabei switcht er geschickt zwischen der Aufklärung des Falles um den ermordeten Personenschützer und den Ereignissen um den ehemaligen Top-Agenten und Profikiller aus Bordeaux, Tobela, hin und her. Meyer erzählt vom faszinierenden, wenn auch vielfach korrupten Südafrika und von der Enttäuschung der Vielen, die nach dem inzwischen fast 30 Jahre zurückliegenden Ende der Apartheid auf etwas anderes gehofft hatten. Und natürlich geht es auch hier wieder um seine beiden Detectives von der Valke-Einheit, Bennie Griessel und Vaughn Cupito. Während der trockene Alkoholiker Griessel seiner Freundin endlich einen Antrag machen will und Caputo seinem Stiefsohn zeigen möchte, dass nicht alle bei der Polizei korrupt sind, bringt der neue Fall die beiden in eine politisch hochbrisante Situation. Ein ehemaliger Polizist wurde in einem Luxuszug ermordet, und die geheimen Sicherheitsbehörden Südafrikas tun alles, um es nach einem Selbstmord aussehen zu lassen …
So ist „Beute” ein weiteres Thriller-Highlight des südafrikanischen Autors – gekonnt und hochspannend, mit einer überraschenden Auflösung.
(hn)


geb., Verlag Rütten & Loening
2020, 444 S., 20,00 €
ISBN 978-3-352-00941-9


Mercedes Rosende –
Falsche Ursula

Ursula ist langweilig, sie ist unzufrieden mit ihrem Leben, sie ist dick, trägt schwarze, übergroße "Stoffzelte", fühlt sich hässlich. Ihr Leben läuft überhaupt nicht so, wie sie es gern hätte. Bis sie eines Tages einen mysteriösen Anruf erhält: Ihr Ehemann sei entführt worden, man fordere eine Million Lösegeld. Nur: Ursula ist gar nicht verheiratet! Natürlich klärt sie das nicht auf, sie wirft sich stattdessen mit krimineller Energie in dieses Abenteuer. Der Roman ist nicht nur spannend, er ist auch witzig, hochironisch geschrieben. Mit einem Witz, der die Figuren nicht lächerlich macht, sondern einfach nur großes Vergnügen bereitet.
Die Autorin sagt: "Ich möchte in dem Buch ja eine soziale Wirklichkeit zeigen; Probleme, mit denen die Frauen in meiner Geschichte konfrontiert sind, möchte aber kein Pamphlet, kein Manifest der Anklage schreiben, sondern möchte ein Lesevergnügen, das steht an erster Stelle. Mein einziges Mittel, um schreckliche Dinge wie Korruption und den Zerfall der Gesellschaft zu beschreiben, ist, das Ganze mit Humor zu erzählen."
(ma)


kartoniert, Unionsverlag 2020
aus dem Spanischen von Peter Kultzen
204 S., 18,00 €
ISBN 978-3-293-00559-4


Liza Cody – Gimme More

Einst waren Jack und Birdie das berühmteste Paar der Welt, bis der Rockstar Jack auf der Höhe seines Erfolgs unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Doch Birdie ist auch als halb vergessene Witwe einer Rocklegende immer noch ein Freigeist der Sechziger und eine Rebellin. Keiner ahnt, dass sie nicht bloß ein Groupie war, sondern der eigentliche Kopf der Band. Dass sie von allen unterschätzt wird, weiß Birdie mit Charme und Unverfrorenheit zu ihrem Vorteil zu nutzen. Die kleinen Kreditkartenbetrügereien sind denn auch nur Fingerübungen für den großen Coup: Als eine Plattenfirma nach zwanzig Jahren vom Revival der Sechzigerjahre profitieren und um jeden Preis an unveröffentlichte Songs von Jack herankommen will, sieht Birdie ihre Chance, sie kämpft noch einmal – für sich und somit auch für Jack.
Ist sie nun im Besitz von Aufnahmen der legendären Antigua-Sessions oder nicht? Nur Birdie weiß es, und nur Birdie kennt die Wahrheit über Jack.
Witzig und spannend – mit guten Einblicken in des Musikbusiness!
(ma)


geb., Ariadne-Argument 2020 (Neuausgabe)
deutsch von Pieke Biermann
400 S., 21,00 €
ISBN 978-3-86754-243-2


Regina Nössler –
Die Putzhilfe

Eine nicht mehr ganz junge Frau hat ihre Habseligkeiten gepackt und macht sich unter Beachtung diverser Sicherheitsmaßnahmen in einer Novembernacht auf in ein neues Leben unter falschem Namen. Mann, Spießerhaus und Kleinstadt lässt sie auf dem Lande in der Nähe von Münster zurück und findet in Berlin-Neukölln eine Kellerwohnung. Bei einem Museumsbesuch fällt ihr eine ältere Dame quasi vor die Füße. Unwillig hilft sie ihr, widerwillig lässt sie sich von der Gestrauchelten zum Kaffee einladen, widerstrebend nimmt sie bei der Professorenwitwe den Job als Putzhilfe im vornehmen Dahlem an. Schließlich muss sie in ihrem neuen Leben Geld verdienen, auch wenn sie noch von dem Konto zehren kann, das sie sich heimlich eingerichtet hat.
Den Thriller „Die Putzhilfe“ erzählt Regina Nössler strikt aus der Perspektive dreier verstörter Frauen. Die Leserinnen und Leser bekommen nur so viel mit, wie die Protagonistinnen preisgeben, und sind daher auf vielfache Vermutungen und Spekulationen angewiesen … Regina Nössler spielt virtuos auf dem Klavier der umlaufenden Vorurteile. Fast alle Vermutungen, die sie den Leserinnen und Lesern nahelegt, laufen ins Leere und entpuppen sich als Stereotype. „Die Putzhilfe” handelt von Kontrolle und sozialen Normen, von Einengung und Befreiung, von realer und eingebildeter Überforderung. Alle diese Themen bilden den schwebenden Hintergrund einer ebenso überraschenden wie spannungsreichen Handlung. Ungewöhnlich, hervorragend!
(ma)


kartoniert, Verlag Konkursbuch 2019
400 S., 12,90 €
ISBN 9783887695958




Bühnenglanz und Prekarität – eine große Tochter Flensburgs:

Emmy Ball Hennings

In diesem Jahr ist eine neue Biographie in Form einer Graphic Novel und der 3. Band der Werkausgabe von Emmy Ball Hennings erschienen. Für uns ein besonderer Anlass an diese große Autodidaktin und Persönlichkeit zu erinnern.
Wir empfehlen diese Bücher, die einen tiefen Einblick in das bewegende Leben von Emmy bieten. (hn)

Fernando González Viñas, José Lázaro – Alles ist Dada. Emmy Ball-Hennings.

Eine Biographie über die Dada-Künstlerin Emmy Ball-Hennings ist in diesem Frühjahr als Graphic Novel erschienen.Unter dem Titel »El Ángel Dadá« (»Der Engel des Dada«) wurde die Comic-Biographie auf Spanisch bereits 2017 veröffentlicht. Dem Autor Fernando Gonzáles Viñas, der bereits Werke von Hugo Ball und Emmy Ball-Hennings ins Spanische übersetzt hatte, war es ein Anliegen, die »zu Unrecht vergessene Schlüsselfigur des Dadaismus« einem heutigen Publikum ins Gedächtnis zu rufen.

Ihr Werk ist zwar kaum noch bekannt, doch Emmy Hennings war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Star der Avantgarde-Szene. Sie trat als Sängerin, Tänzerin und Schauspielerin auf, schrieb Gedichte und Romane, zeichnete – und war obendrein Modell und Muse für viele zeitgenössische Künstler wie Erich Mühsam, Johannes R. Becher oder Reinhold Junghanns. 1885 in Flensburg geboren, heiratet sie früh und bekommt eine Tochter. Sie schliesst sich mit ihrem ersten Mann einer Wandertheatergruppe an, das gemeinsame Kind bleibt bei der Großmutter zurück. Ihr Leben ist ein steter Kampf – nicht nur um künstlerische Anerkennung, sondern auch um das tägliche Brot, um Tinte zum Schreiben, um Morphium, das die Sinne betäubt. Ob als fahrende Sängerin oder als Teil der Berliner, Münchener oder Pariser Bohème: Prekäre Lebensumstände sorgen immer wieder für Konflikte mit dem Gesetz, und Prostitution bleibt wiederholte Male der einzige Weg, sich über Wasser zu halten. Sie zahlt einen hohen Preis für ihren Mut und ihren unbedingten Willen, sich nicht den gesellschaftlichen Zwängen zu beugen, sondern ihren eigenen Weg zu gehen.

Nach langen Jahren der Ignoranz tritt Ball-Hennings allmählich aus dem Schatten ihres zweiten Mannes, des Literaten Hugo Ball, heraus und erhält aufgrund ihres vielseitigen Schaffens den eigenständigen Platz in der Literaturgeschichte, den ihr väterlicher Freund Hermann Hesse bereits zu ihren Lebzeiten eingefordert hatte. Schließlich gehörte sie mit Hugo Ball und Künstlerfreunden wie Hans Arp, Richard Huelsenbeck, Tristan Tzara und Marcel Janco zu den Gründern des Cabaret Voltaire in Zürich, das 1916 die Keimzelle der internationalen Dada-Bewegung wurde. Ebenso wie Hugo Ball stand sie dort Nacht für Nacht auf der Bühne, bis ihnen nach einigen Monaten die Kräfte verliessen und sie sich beide ins Tessin zurückzogen. Nach Balls frühem Tod blieb sie dort und arbeitete u.a. an autobiographischen Texten, in denen sie die Erfahrungen ihres schwierigen Lebens verarbeitete.

»Ich war Teil einer Welt, die immer noch viele inspiriert«, resümierte sie 1948 kurz vor ihrem Tod. Wie diese Welt aussah, schildert die Graphic Novel in schlaglichtartigen Stationen. González Viñas lässt sie darin als Ich-Erzählerin zu Wort kommen, während José Lazaro die passenden Schwarzweißzeichnungen dazu liefert. Der Zeichenstil ist eher konventionell gehalten, was der Lesefreundlichkeit aber guttut. Denn einordnende Kommentare oder ähnliches gibt es nicht, Hintergrundwissen um Politik, Kunst und Gesellschaft der Zeit um den Ersten Weltkrieg wird vorausgesetzt. Das Bild der Protagonistin und ihrer Zeit wird gleichermaßen schillernd gezeichnet. Nichtsdestotrotz ist es eine interessante Lektüre, die anregt, sich mit ihrem Gesamtwerk auseinanderzusetzen.


kt., Avant-Verlag, Berlin 2020
Übersetzung aus dem Spanischen von André Höchemer
232 S., 25,00 €
ISBN 978-3-96445-034-0



… und immer noch ein Muss für jede und jeden Interessierten:

Emmy Ball Hennings : 1885 - 1948 ; "ich bin so vielfach ...": Texte, Bilder, Dokumente

Ausstellungskatalog, 1999, Zürich
Museum Strauhof, Zürich, 25. März - 31. Mai 1999 ; Museumsberg Flensburg, 5. September - 28. November 1999 ; eine Ausstellung des Museums Strauhof, Zürich und des Robert-Walser-Archivs/Archiv der Carl-Seelig-Stiftung, Zürich in Zusammenarbeit mit Museumsberg Flensburg] / zsgest. von Bernhard Echte unter Mitarb. von Katharina Aemmer. [Mitarb. am Katalog Nicola Behrmann …]

Stroemfeld-Vlg., 1999, ISBN 978-3-87877-757-1
Pp.: DM 68.00 - heute 12,00 € (Ladenpreis aufgehoben)





Nicola Behrmann – Geburt der Avantgarde … Emmy Hennings

Für eine tiefere Sicht auf das Wirken von Emmy Hennings ist diese gründliche Studie der Mitherausgeberin der Werke und Briefe Emmy Hennings ein Muss.

geb., Wallstein 2018, 424 S., 29,90 €, ISBN 978-3-8353-3123-5


Mittlerweile sind 3 Bände von Emmy Hennings Gesamtwerk im Wallstein-Verlag erschienen:

Annäherung an eine Dichterin und Kabarettistin: Aus der großen Kugel fallen

"Ich singe die Unendlichkeit! O Zeit, bist du so eingeschneit?":

Eine hervorragend editierte Studienausgabe ihrer Gedichte befreit Emmy Hennings vom Ruf der Femme fatale und zeigt sie als Mystikerin.


Von Nico Bleutge - Süddeutsche Zeitung

Am 4. Februar 1916 erschien in der Neuen Zürcher Zeitung eine Vorankündigung folgenden Inhalts: "Künstlerkneipe ,Voltaire'. Am Samstag abends 8 Uhr werden im Saale der ,Meierei' (Spiegelgasse 1) aus eigenen Werken lesen: die Herren Rudolf Anders und Hugo Ball sowie Frau Emmy Hennings. Frl. Riesa Helm singt Lieder am Flügel, Frau Hennings Lieder zur Laute." Auch wenn sich der Berichterstatter der NZZ in seiner wenige Tage später veröffentlichten Besprechung des Abends vor allem für das "aus sechs russischen Herren bestehende Balalaika-Orchester mit Gitarrenbegleitung" begeisterte - Emmy Hennings wurde schnell als der leuchtende Stern der Veranstaltung ausgemacht. "Man liebt sie unaussprechlich", notierte Hugo Ball nur wenige Wochen nach der Premiere.

Aus der "Künstlerkneipe ,Voltaire'" sollte das berühmte Cabaret Voltaire werden. Hier wurden nicht nur Gedichte rezitiert und Chansons gesungen, hier wurde auch der Dadaismus aus der Taufe gehoben. Hugo Ball trug seine Lautgedichte vor und Richard Huelsenbeck schlug die Trommel, nicht zuletzt gegen den Krieg und für eine andere Vorstellung von Kunst. Dabei war die Rollenzuschreibung von Beginn an klar. Die Frauen, allen voran Emmy Hennings, wurden hauptsächlich als Sängerinnen und Musen wahrgenommen, die "kleine zärtliche Chansons" vortragen, die Würdigung als Avantgarde-Dichter blieb den Männern vorbehalten, neben Hugo Ball und Tristan Tzara etwa Hans Arp oder Klabund.
Ihr Lebensentwurf war gewollt, mit den Rollenbildern ihrer Zeit hat sie sich intensiv beschäftigt.

Emmy Hennings war sich dieser Projektionen bewusst. Und sie waren ihr eine vertraute Erfahrung. Schon in den Jahren zuvor, während ihrer Zeit in Berlin und München, hatte man sie vornehmlich als Chansonette gesehen. In ihren Kabarettauftritten oder in Briefen hat sie solche Zuschreibungen genau reflektiert. Heute noch wird sie immer wieder als "Star der Münchener Bohème" oder der Züricher Szene bezeichnet, gerne mit Verweis auf ihre "erotische Ausstrahlung" und das Klischee einer unersättlichen Lust auf das Leben. Dahinter steckt nicht selten ein nur lose kaschierter Vorwurf gegenüber Hennings' Lebensführung: dass sie Drogen nahm und ihren Lebensunterhalt zeitweilig mit Prostitution verdienen musste, dass sie vor der Beziehung mit ihrem späteren Ehemann Hugo Ball jahrelang als Wanderschauspielerin unterwegs war und wegen des Verdachts auf "Beischlafdiebstahl" und Hilfe zur Desertion mehrere Monate im Gefängnis saß.

Völlig in Vergessenheit gerät über solche Deutungen, wie intensiv sich Emmy Hennings mit den Rollenbildern ihrer Zeit und den Widersprüchen bürgerlicher Moral auseinandergesetzt hat, wie gewollt der Lebensentwurf eines dauernden Unterwegsseins war. Erst recht aber wird verdrängt, was für eine großartige Dichterin sie war. Schon in ihrem Erstling "Die letzte Freude" von 1913 schreibt sie intensive "Ätherstrophen", die sich wie ein positiv aufgeladenes Gegenstück zu Jakob van Hoddis' expressionistischer Phantasmagorie "Weltende" lesen lassen: "Jetzt muss ich aus der großen Kugel fallen. / Dabei ist in Paris ein schönes Fest. / Die Menschen sammeln sich am Gare de l'est / Und bunte Seidenfahnen wallen." Allerdings ist ihren Versen von Beginn an ein Nachdenken über die Zeit eingezogen, über Traumzustände und die Wahrnehmung der Nacht.

Dazu kommt eine mit Verlassenheits- und Einsamkeitsfantasien verknüpfte lebenslange Sehnsucht, die mal der Wunsch nach einer umfassenden Einheit aller Momente ist, mal nichts als eine "Sehnsucht nach der Sehnsucht". Wolkig wirken die Verse glücklicherweise nie. Hennings schließt romantisches Vokabular mit nüchternen Gegenwartswörtern wie "Möbel" oder "Krankenhaus" kurz, sie spielt mit dem Rhythmus und verwendet Einsprengsel von Seemannsliedern, die ihr aus ihren Kabarettprogrammen vertraut sind.

All diesen "verlorenen Paradiesen" kann man jetzt in einem schön gemachten Band nachgehen. Nicola Behrmann, die schon in einem sehr lesenswerten Buch versucht hat, Hennings aus den Geschlechterklischees und Verdrängungsbewegungen der Rezeption herauszulösen und sie als Dichterin in die Geschichte der Avantgarde einzuschreiben, hat mit ihren Kolleginnen eine Studienausgabe zusammengestellt. Darin sind nicht nur jene Gedichte enthalten, die zu Hennings' Lebzeiten erschienen sind, sei es in ihren drei Einzelbänden, sei es in Zeitschriften oder Anthologien, sondern auch alle Gedichte aus dem Nachlass und eine Handvoll Prosaskizzen, die sie vermutlich zwischen 1913 und 1917 geschrieben hat. Anhand der aufgelisteten Varianten und kleiner Kommentare kann man die Entstehung der Gedichte nachvollziehen.

"Die Berge Jütlands und blaue Heide / Und in Vaters Hof fielen manchmal die Sterne", heißt es in einem Gedicht. Tatsächlich waren die Berge Jütlands die Ostseeküste, und der Vater war im Schiffsbau beschäftigt, als Emmy Hennings 1885 in Flensburg zur Welt kam. Schon mit 16 verließ sie die Familie, heiratete früh, bekam ein Kind, ließ sich bald wieder scheiden und zog mit wechselnden Theatergruppen durch die Lande. Als sie später im Münchener "Simplicissimus" als Kabarettistin bekannt wird, verdichten sich die inneren und äußeren Spannungen und sie konvertiert zum Katholizismus.

Die Hinwendung zur Religion ist eine einschneidende Erfahrung, die auch in die Gedichte einwandert. Die lebenslange Sehnsucht erscheint nun immer wieder als eine Sehnsucht nach Gott. Hennings liest Texte der mittelalterlichen Mystik, von Meister Eckhart etwa oder Mechthild von Magdeburg, und verwandelt sich deren sprachliche Mittel für ihre Gottsuche an. Ziel der mystischen Bewegung ist die Verschmelzung mit dem Anderen. Es ist eine Erfahrung, die sich, eben weil es um das Aufheben jeder Unterscheidung geht, der vermittelnden Sprache eigentlich entzieht.

Um das Erlebnis der mystischen Unio aber doch teilen zu können, haben die Mystikerinnen und Mystiker nach sprachlichen Wegen gesucht, die Momente dieser Erfahrung in sich tragen. Paradoxien und Fragen sollen etwas von der Widersprüchlichkeit der ekstatischen Bewegung zeigen, Metaphern und Vergleiche ihre Strahlkraft andeuten, Litaneien und andere Arten von Wiederholung den meditativen Charakter der mystischen Erfahrung in die Form des Sprechens einsenken. Bei Emmy Hennings klingt es so: "Ich singe die Unendlichkeit! / O Zeit, bist du so eingeschneit? / So weiß gesungen, rosenrot! / Du Frucht der Liebe, Blut vom Tod! / Hör mein Verschwörerlied zur Nacht! / Tiefe im Tag, nachthell entfacht. / Wie bist du weinend, wie lächelnd erwacht …".

Es ist spannend zu beobachten, dass Hennings zwar tief in die religiöse Bildsprache eintaucht, die religiösen Motive aber auch ein ums andere Mal übersteigt. So wird Maria bisweilen weniger als "Mutter mit der Dornenkrone" oder als Inbegriff einer traditionellen Vorstellung von Weiblichkeit besungen, sondern als Bild für die ersehnte Ganzheit, als "Saum der Allmacht" oder "Wiege des Lichtes". Und fast möchte man meinen, die Suche nach Gott sei manchmal mehr noch eine Suche nach dem perfekten Vers: "Wenn du nicht Sehnsucht hast nach mir, / Wie könnt ich sehnen mich nach dir? / Du süßer Gott, o himmlisches Gedicht! / Was denkt dich an? Sieh mein Gesicht!" Gott erscheint hier als Gedicht, doch scheint nicht zugleich das Gedicht ein Gott zu sein?
"Und erwiderten die Schneeflockensprache, die aus der Höhe sank"

Noch länger als ihre mystischen Metamorphosen aber wirken jene Verse nach, in denen sich Hennings von den liedhaften Formen löst und nicht nur funkelnde Bilder entwirft, sondern auch einen Rhythmus mit zahlreichen Wechseln. "Einmal deuteten unsere Prismaaugen den Regenbogen", setzt ein Ensemble wundersamer Langzeilen ein. So wie in den Prismaaugen die Wahrnehmungen unterschiedlich stark gebrochen werden, spaltet sich die Rede in verschiedene Sprechweisen auf und macht diese Sprechweisen ihrerseits zum Thema: "Wir verstanden das Murmeln der Geister in den Goldquellen / Und erwiderten die Schneeflockensprache, die aus der Höhe sank." Es ist ein Gedicht über den Baum der Erkenntnis und den Verlust des Paradieses. In einer großartigen Paradoxie finden die Verse gerade dort zu Metrum und Reim, wo sich Grübelei und "Suchersehnsucht" ausbreiten. Und nicht von ungefähr reimt sich nun "Wahn" auf "Sternenbahn."

Man muss die vielen Traumreisen, Mariengedichte und "kleinen Heimwehlieder" mögen, die Hennings in ihren späteren Jahren geschrieben hat. Das Gefühl des Anders- und Alleinseins, das sie auch in ihrer Prosa entfaltet, durchzieht nun beinahe jeden Vers. Souveränitätsgesten, wie man sie zur selben Zeit etwa bei Else Lasker-Schüler finden kann, sind ihr fremd. Doch gerade so entsteht eine Dichtung, die in ihrer Brüchigkeit modern ist. Emmy Hennings stirbt 1948. In ihren letzten Gedichten inszeniert sie ein Sprechen der "Sterne und Menschen", das sich immer schon fremd ist - und das auf die Erinnerung setzt: "O, diese Wechselmelodie / Mein Lied, das rasch der Wind verstreicht, / Das in mir lag, vergess ich nie. / In Kinderschuhen hüpft sichs leicht."




Emmy Hennings: Gedichte.
Herausgegeben und kommentiert von
Nicola Behrmann und Simone Sumpf.
Unter Mitarbeit von Louanne Burkhardt.
Mit einem Nachwort von Nicola Behrmann.

Wallstein Verlag
Göttingen 2020
698 Seiten, 38,00 €
ISBN ISBN 978-3-8353-3503-5


Emmy Hennings:
Gefängnis
Das graue Haus
Das Haus im Schatten.
Drei Romane (1)

Klappentext
Herausgegeben von Christa Baumberger und Nicola Behrmann. Mit Abbildungen. 'Ein verlaufenes Kind, ein lebendig gewordenes Märchen oder Volkslied, süß und gruselig zugleich', so charakterisierte Franz Herwig 1923 das literarische Phänomen Emmy Hennings. 1916 eröffnete sie mit Hugo Ball das Cabaret Voltaire in Zürich, wo die Dada-Gruppe nicht nur gegen den Krieg, sondern auch gegen die Kunst rebellierte. Hennings` 1919 erschienener Roman 'Gefängnis' sorgte für großes Aufsehen. In einer eindringlichen, expressiven Sprache seziert sie das Erlebnis einer Inhaftierung bis in die sprachlichen Details hinein. Dem Leser wird mit existenzieller Dringlichkeit vorgeführt, was es bedeutet, im Gefängnis zu sein. Das Verhältnis von Delinquenz und Strafvollzug, Schuld und Sühne beschäftigte Hennings viele Jahre. Davon zeugen die zwei weiteren Gefängnis-Texte 'Das graue Haus' und 'Das Haus im Schatten'. Die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte der drei Romane wird im Anhang erstmals fundiert aufgearbeitet und von einer umfassenden Dokumentation zur Wirkungsgeschichte begleitet. 'Sie ist die reinste Inkarnation des weiblichen Vaganten, die in der deutschen Dichtung vielleicht je da war.' Klabund


Wallstein Verlag
Göttingen 2016
ISBN 9783835318342
Geb., 576 Seiten, 24.90 €

Herausgegeben von Christa Baumberger und Nicola Behrmann. Mit Abbildungen.


Emmy Hennings:
Das Brandmal
Das ewige Lied (2)

Klappentext
Herausgegeben von Nicola Behrmann und Christa Baumberger unter Mitarbeit von Simone Sumpf. Mit einem Nachwort von Nicola Behrmann. Zwei literarische Wiederentdeckungen über Frauenschicksale Anfang der zwanziger Jahre, die ein Jahrhundert später nichts von ihrer aufrüttelnden Wirkung eingebüßt haben. Nach Erscheinen ihres zweiten Romans "Das Brandmal" im Jahr 1920 galt Hennings als eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihrer Generation. Die radikale und selbstzerstörerische Aufrichtigkeit des Mädchens Dagny, das ruhelos durch die deutschen Städte zieht und sich zeitweise zur Prostitution gezwungen sieht, wurde mit den Romanen Hamsuns und Dostojewskijs sowie den "Bekenntnissen" von Augustinus und Rousseau verglichen. Auch heute liest sich der Roman als eindringliches Zeugnis eines bedrängten Lebens, das an Aktualität nichts verloren hat. Die 1923 erschienene Erzählung "Das ewige Lied" ist der Fiebermonolog einer Sterbenden, der in vielerlei Hinsicht an "Das Brandmal" anknüpft. Von der Literaturgeschichte nahezu vergessen, wird dieses Werk hier erstmals wieder aufgelegt. Der zweite Band der Kommentierten Studienausgabe enthält beide Texte nach dem Erstdruck ediert und von einem ausführlichen Stellenkommentar begleitet. Eine umfassende Rezensionssammlung dokumentiert die beeindruckende Wirkungsgeschichte, vor allem von "Das Brandmal". Im Nachwort werden die biografischen Hintergründe beider Werke sowie deren Rezeptionsgeschichte und literarische Bedeutung erstmals fundiert aufgearbeitet.


Wallstein Verlag
Göttingen 2017
ISBN 9783835330405
Geb., 508 Seiten, 24.90 €

Herausgegeben von Nicola Behrmann und Christa Baumberger unter Mitarbeit von Simone Sumpf. Mit einem Nachwort von Nicola Behrmann.


Emmy Hennings:
Gedichte.
Werke und Briefe.
Kommentierte Studienausgabe 3

Klappentext
Herausgegeben von Nicola Behrmann, Simone Sumpf und Louanne Burkhardt. Der dritte Band der Kommentierten Studienausgabe präsentiert erstmals das gesamte lyrische Werk von Emmy Hennings. Das umfangreiche lyrische Werk von Emmy Hennings wird in diesem Band erstmals vollständig publiziert - ihre zu Lebzeiten veröffentlichten Gedichte sowie die unveröffentlichten aus dem Nachlass - und in seiner beeindruckenden stilistischen Spannbreite erschlossen: Auf Kabarettlieder folgt expressionistische und dadaistische Lyrik, die zugleich romantische und religiöse Tendenzen aufweisen. Hennings" Gedichte stehen dem Volkslied, dem Chanson und der Liturgie gleichermaßen nahe und vermitteln existenzielle Grenzerfahrungen wie Liebe, Hunger, Exil, Krieg und Gottsuche mit ergreifender Schlichtheit und Direktheit. Neben einem Verzeichnis der mehr als 900 Varianten und Lesarten der Gedichte enthält der Anhang Sachhinweise und einen detaillierten Kommentar zur Entstehung. Im Nachwort werden der biografische Hintergrund, Bezüge zur modernen Lyrik sowie die zeitgenössische Rezeption aufgezeigt.


Wallstein Verlag
Göttingen 2020
ISBN 9783835335035
Geb., 698 Seiten, 38.00 €

Herausgegeben von Nicola Behrmann, Simone Sumpf und Louanne Burkhardt. Der dritte Band der Kommentierten Studienausgabe präsentiert erstmals das gesamte lyrische Werk von Emmy Hennings.




Kinder- und Jugend-Abteilung

Silke Lambeck - Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich

Ich, das ist Matti, der zusammen mit seiner alleinerziehenden Mutter in Berlin Mitte wohnt, Klavier spielt und eine Art sympathische Lachsucht hat.
Otto macht Yoga und kann nicht singen, dafür hingebungsvoll brummen. Sie sind Freunde, seit ihre Mütter zusammen Anti-Schwangerschaftsgymnastik gemacht haben und gehen in die gleiche 5. Klasse.
Dank ihrer uncoolen Musiklehrerin, die es nur mit Hilfe ihrer Schüler geschafft hat, ein Video des dreizehnjährigen Ganster-Rappers Bruda Berlin auf YouTube abzuspielen, haben sie die Aufgabe einen Rap zu machen und vor der Klasse aufzuführen.
Sie rappen, was das Zeug hält mit professioneller Unterstützung und machen dabei alles richtig: sie entdecken das wilde Leben, helfen, wagen sich aus Berlin Mitte nach Neukölln, sind mutig, wachsen über sich hinaus und lernen, das vieles anders ist, alles es scheint.
Dann spielen noch zwei Schlägertypen, ein Immobilienhai, ein obeh in diesem Fall als echt netter Kerl entpuppt, der das Herz irgendwie doch am rechten Fleck hat.
Die Erwachsenen werden in diesem Buch herrlich beschrieben und manch ein Erwachsener wird sich beim Lesen ertappt fühlen und vielleicht ein klein wenig an seinem Verhalten schrauben.
Das Buch ist für meinen Geschmack schön und ausgewogen illustriert. Mein Freund Otto, das wilde Leben und ich ist laut Verlag ein Buch ab 8 Jahren. Für mein Gefühl, ist diese Altersangabe für Kinder mit Medienerfahrung (YouTube, Handy, Blog, E-Mail) und guter Lesekompetenz in Ordnung. Jedoch würde ich meine Kinder dieses Buch erst mit 9/10 lesen lassen oder es ihnen vorlesen. (Ive)


geb., Gerstenberg Verlag 2020, mit Bildern von Barbara Jung, 184 Seiten, 12,95 €, ISBN978-3-8369-5625-3


Maria Engstrand – Code Orestes. Das auserwählte Kind

Auftakt zu einer Trilogie, ein Krimi zwischen Wissenschaft und Mystik, der mit geheimnisvollen Briefen, spannenden Rätseln und kniffeligen Codes auf die Spuren von großen Erfinder*innen und deren Errungenschaften führt.
In einer kalten Winternacht wird die zwöfjährige Malin von einem geheimnisvollen Mann angesprochen, der ihr einen Brief in die Hand drückt, mit dem Auftrag, diesen in 100 Tagen an das Rutenkind zu übergeben.
Bevor Malin sich von dieser Überraschung erholen kann, ist der Mann auch schon wieder verschwunden und lässt sie mit ihren Fragen zurück.
Als Orestes dann mit seinem glatt gebügeltem weißen Hemd und mit einer braunen Aktentasche als neuer Mitschüler und Nachbar in Malins Klasse auftaucht, ist sie enttäuscht und kann einfach nicht glauben, dass er dieses Rutenkind sein soll, dass sie sich so voller Spannung herbeigewünscht hat. Über 100 Tage hat sie auf ihn gewartet, mit einem alten Brief in einem schmutzigen Umschlag, der seit Ewigkeiten in ihrem Rucksack liegt! Und dieser geheimnisvolle und völlig unverständliche Brief (den sie natürlich geöffnet hat und der aus völlig mysteriösen Codes zu bestehen scheint) soll für diesen Jungen, der mit seiner Aktentasche wie ein kleiner Erwachsener aussieht, sein? Malin kann es nicht fassen!
Doch die Botschaft des geheimnisvollen Mannes war unmissverständlich und auch, dass nur das Rutenkind die Welt vor großen Gefahren bewahren kann. Orestes hingegen will von dem Brief nichts wissen und zerreisst ihn vor Malins Augen. Doch sie lässt nicht locker und schon bald haben Malin und Orestes alle Hände voll zu tun, das Geheimnis um einen Wissenschaftler aus dem vorigen Jahrhundert zu lösen, und stoßen dabei auf Fragen, die sich mit Logik nicht erklären lassen.
Doch: Es geht um die Zukunft! Es geht um alles … Leben und Tod! „Maria Engstrand ist es in diesem Trilogie-Auftakt bravourös gelungen, Kinder sowohl Wissenschaft als auch Mystik näher zu bringen”. (Buchkultur) (A.)


geb., Mixtvision Verlag 2020, Illustrationen von Lotta Geffenblad, übersetzt aus den Schwedischen von Cordula Setsman, 384 S., 16,00 €, ab 11 Jahre, ISBN 978-3-95854-153-5


Adam Baron
Frei Schwimmen. Wer die Wahrheit sucht, muss tief tauchen



Der 9 jährige Cym lebt mit seiner Künstler-Mutter zusammen, er hat einen besten Freund: Lance (benannt von seinem fahrradbegeisterten Vater nach Lance Armstrong). Dann gibt es da noch Veronique, ein Mädchen, dass er toll findet, weil sie in seinen Augen einfach alles kann und einen Jungen in seiner Klasse, der ihn, wo immer es geht, ärgert und stranguliert. Und so kommt es, dass er sich von Billy Lee zu einem Schwimmwettkampf in der Schule herausfordern lässt, obwohl er gar nicht schwimmen kann.
Er versteht nicht, warum seine Mutter nicht bereit ist, mit ihm auch nur in die Nähe einer Schwimm- oder Badegelegenheit zu gehen und seine Schwimmversuche in der Badewanne (denn Schwimmen kann doch nicht so schwer sein!) enden mit einer Überschwemmung des Badezimmers und nicht wie erhofft mit dem Erlernen des Kraulens. Und so kommt es, dass er im Schwimmbad fast ertrinkt, weil er niemandem, nicht einmal seinem besten Freund, sagen kann, dass er nicht schwimmen kann.
Dieser Unfall löst im Familienkreis eine Krise aus, in der die alten Familiengeheimnisse ans Licht kommen.
Adam Baron lässt in seiner Geschichte Cymberline, kurz genannt Cym, aus der Ich-Perspektive des 9-jährigen erzählen und bleibt mit ihm auf Augenhöhe. Cym ist sensibel, verträumt und manchmal etwas altklug, doch mutig wie ein Löwe, als es das Leben von ihm erfordert. Barons tiefgründige und humorvolle Erzählweise wird durch die eindrucksvollen Illustrationen von Benji Davies ergänzt und auch das Buchcover besticht durch seine wunderschöne Gestaltung
(A.)


geb., Hanser Verlag 2020
übersetzt aus dem Englischen
von Birgitt Kollmann
122 Seiten, 15,00 €, ab 10 Jahre
ISBN 9783-466-26607-0